Seine erste Critical Mass

Der 2radlerHH ist gemeinsam mit vielen anderen durch Hamburg gefahren. Vielen Dank für das Teilen dieser Erfahrung!

Meine erste Critical Mass

Es ist vollbracht. Am letzten Freitag war es soweit, ich bin meine erste Critical Mass gefahren.

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Ich hatte es mir schon länger vorgenommen aber irgendwie hat es nie geklappt, jetzt am Freitag war es günstig. Leider bin ich „allein“ gefahren, kein Freund ließ sich überzeugen: „Critical Was ?“.

Was brauch ich ?  Kopfhörer, damit es evtl. nicht langweilig wird. Mütze, Handschuhe, Getränk und Keks, man weiß ja nie. Zum Thema Halloween fällt mir nicht viel ein, vielleicht eine Laterne mit Kerze, hmm, albern, will ja beim ersten Mal nicht unangenehm auffallen.
Treffpunkt Alsterwiese Schwanenwik, ich schummel und nehme die U-Bahn bis Gänsemarkt. Auf der Rolltreppe der erste Fahrradfahrer, ob der auch…nein, der will woanders hin…oben geht’s weiter, überlege noch wie ich fahre, aber das ist überflüssig.

Am Dammtor treffe ich auf die ersten Fahrradfahrer, an der Ampel einer mit tönender Umhängetasche, von links kommen 20 Radler. Nicht lange zögern, rauf auf die Straße, mein U-Bahn Radler, neben mir…. also doch.

So ist das also, ich fahre schon im Critical Mass Zubringer mit. Ist ja witzig, mitten im Straßenverkehr eine Fahrbahn belegt, nur Fahrradfahrer voll selbstbewußt. Neben mir zwei Zombies auf dem Damenrad mit Gespenst im Korb, da hätte mein Laterne doch gepasst.

Wir kommen auf der Alsterwiese an. Hier und da Fahrradfahrer in kleinen Gruppen, viele beleuchtete Räder, LED machten’s möglich, vielfache Speichenbeleuchtungen, will ich auch, Luxprotzereien „Guck mal nur mit Akku“, geblinke am Rad, Helm, Brust, Fuß, leises Gemurmel, das ab und zu durch „Georg“, „Wo ?“, „Hiiiier“ Geschreie unterbrochen wird. Ich gehe Richtung Alster, wie schön warm, was für ein Blick, Menschen auf der Wiese lagernd, ein Bierchen, Vorfreude. Es ist schon nach 19.00 Uhr, wann geht’s los ? An der Straße sehe ich ein Polizeiauto und ein Motorrad. Warten, es wird geklingelt, gehupt gejohlt, gespannte Stimmung. Einer ruft zum Bike up auf „Ich will Eure Räder sehen“, einige machen es, ich nicht, bin zu schwach für mein Rad.

Es ist 19.30 Uhr das Geklingel wird lauter, man spürt die Unruhe, jetzt geht es los. Nun denn, am Anfang zögerlich, es stockt, verständlich, sind ja viele. Ich sehe immer mehr Gespenster, Anhänger mit Musik, Helene Fischer singt. Na ja, später lerne ich, dass für jeden Musikgeschmack was mit dabei ist, man muß sich nur den richtigen Anhänger aussuchen. Ob die zu schnell fahren, gibt es Unfälle, wo geht’s wohl hin ? Es geht über die Kennedybrücke, auf der einen Seite die Lichter des Jungfernstiegs, die Alster, überall Radfahrer, so viel Platz, ein so toller Asphalt, der Rausch beginnt.

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Die nächsten 30 km sind Erlebnis.

Alle möglichen Fahrräder, ein modernes Hochrad, Chopper,Tandems,  ich sehe den Mann mit dem Grill am Rad, eine Elfe, die mit dem Luftwiderstand ihrer Flügel kämpft. Ich fahre nach vorne, will mal sehen, wie das ist, gibt’s da ’ne Führung ? Die Masse nähert sich einer roten Ampel. Man hält an, ein Auto steht an der Ampel, sofort wird es von einigen Fahrrädern umspült, wird es untergehen ? Einer mit Warnweste ruft, „gebt das Auto frei“. Die Masse gehorcht. Grün, antreten, weiter, keine Führung auszumachen, aber vorne gibt’s keinen Richtungsstreit (CDUler ?). Ein 15 minütiger Fahrradstrom ergießt sich über die Reeperbahn, Junggesellenabschiedsgrölen, Touristenhandis, Jubel, Staunen, Hupen und schon vorbei. Gejohle, Pfeifen im Tunnel an den Deichtorhallen.

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Über die Nordkanalbrücke zur Nordkanalstraße, warten an der roten Ampel, hunderte Radfahrer vor dem „Geiz Bordell“, auch so eine Scene, die es wohl nur bei der Critical Mass gibt. Freier, Zuhälter schauen raus. Frage mich, wie politisch die Critical Mass sein will/soll oder darf.

Und weiter geht’s, die Straße hoch und dann zweimal links auf der anderen Seite wieder zurück in Richtung Innenstadt. An einer Stichstraße sehe ich, dass das Ende noch Stadauswärts fährt, ich fahre noch mal ne extra Runde. Dann wird die Binnealster umrundet, Partygänger jubeln. Eine Frau im schwarzen BMW regt sich auf. Ein Korker (das sind die Seitenstraßensperrer) ruft amüsiert „die will tatsächlich die Polizei rufen“. So geht es weiter, irgendwann hol‘ ich mir noch ein Getränk und ’nen Keks, geht ja doch länger als gedacht. Es geht die Hoheluft hoch, meine Richtung nach Hause, nach 2 Stunden bin ich geschafft, körperlich könnt ich ja noch stundenlang aber mental bin ich überwältigt. Bestaune noch das Ende der Schlange mit zwei Autos der Polizei und fahre dann nach Hause. Was für ein Unterschied zwischen dem glatten, ruhigen, bequemen Autostraßen und meinem Fahrradweg. Ich werde noch von einem Liegerad angehalten, „wo denn die Critical Mass sei ?“ ich sag‘ „die sind schon einige Minuten vorher abgebogen“, er flucht vor sich hin, hat wohl zu lange beim Bierwegbringen verbracht.

Fahre zum meinem Freund, der mit dem „Critical Was ?“. Der bekommt jetzt meine volle Begeisterung mit und ist voll berührt, warum er als Hamburger Urgestein und Partygänger bisher nichts davon mitbekommen hat. Ob er beim nächsten Mal mitkommt ?

Egal, ich war nicht alleine, im Strom von 2550 Fahrradfahrern, bei einer Demonstration erwachender Urbaner Kräfte, das ist nicht das Ende, das war nicht meine letzte Fahrt.

4 comments

  1. Als meine Gattin im Sommer zum ersten Mal hier in Nürnberg mitgefahrer ist war ihr erster Kommentar: „Wahnsinn, warum haben die Autos so einen schönen Belag? Das ist viel bequemer als auf den holperigen Radwegen….“. War mir persönlich noch nie so aufgefallen, aber 2RadlerHH hatte wohl das gleiche Erlebnis 🙂

    1. Hallo Quirinus, danke für die Antwort.

      Ich bin sicher, dass in 50 Jahren sich die Mehrheit der Hamburger sehr darüber wundern wird, dass man im Jahr 2014 diejenigen, die zur Erhöhung der Lebensqualität in der Stadt einen wesentlichen Beitrag leisten, durch eine solch schlechte Infrastruktur bestraft hat.

      1. In 50 Jahren wird die Radinfrastruktur hoffentlich von Leuten geplant, die das Rad auch täglich nutzen.
        In 50 Jahren ist es hoffentlich soweit, dass die Wertigkeit eines Menschen nicht anhand seines Verkehrsmittels festgemacht wird.
        In 50 Jahren ist hoffentlich der BER und die Elbphilharmonie fertig.

        Auf jeden Fall freue ich mich auf der nächsten CM mit Dir und tausender anderer Enthusiasten unterwegs zu sein (nur noch zwei Wochen, Yeah!).

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