Die Masse verbindet

Ich freue mich über einen Gastbeitrag von Bart Jan Davidse. Vielen Dank für die Eindrücke der Hamburger Critical Mass im Juni und insbesondere den niederländischen Blick!

Critical Mass ist für mich persönlich immer wieder etwas Besonderes. Ich komme aus einem Land in dem es keine Critical Mass gibt, oder eigentlich doch. Die niederländischen Straßen sind jeden Tag voll mit Radfahrerinnen und Radfahrern, auf dem Weg in die Schule, zur Arbeit, zum Supermarkt, zu Freunden oder zum Sport. Entscheidend für die Erfolge der niederländischen Radverkehrspolitik ist dabei meiner Ansicht nach den Fokus auf den Komfort der Radler, der mindestens genauso wichtig ist wie die rein objektive Sicherheit. In den Niederlanden kommt man mit dem Fahrrad überall entspannt und schnell hin, ohne große Sorgen, ob die Fahrt vielleicht doch im Krankenhaus landet. Zudem kann man fast überall entspannt nebeneinander fahren. Kein Wunder, dass die Niederländer gerne zusammen mit dem Fahrrad unterwegs sind. Früher machten wir am Sonntag immer Ausflüge mit der Familie, ich fuhr immer mit Freunden zusammen in die Schule und es gibt wenig schönere Sachen als die eigene Freundin auf dem Gepäckträger mitzunehmen. Ich wette, dass viele niederländische Beziehungen auf dem Fahrrad entstanden sind.

In Hamburg erlebe ich jeden Tag etwas ganz anderes. Entspannt Rad fahren ist in der Hansestadt kaum möglich, der Alltag auf der Straße lässt sich eigentlich nur mit dem Kampf von David gegen Goliath vergleichen. Dazu kommt, dass die Hamburger Infrastruktur die RadfahrerInnen systematisch an den Rand des motorisierten Verkehrs drängt. Wenn ich optimistisch zähle, fallen mir im gesamten Stadtgebiet etwa 15 Kilometer Straße ein, wo man entspannt nebeneinander fahren kann, und das in einer Stadt wo es mehrere sechsspurige Straßen gibt, um vor allem den Verkehrsfluss des motorisierten Verkehrs nicht zu behindern. Da läuft etwas gigantisch schief und die Bemühungen des aktuellen Senats werden leider nur Reparaturarbeiten für eine jahrzehntelange Vernachlässigung des Radverkehrs sein. Wenn ich mir jedoch die aktuellen Radstreifen und Radwege anschaue, kann man noch immer nicht nebeneinander fahren, obwohl das doch zu den schönsten Sachen des Radfahrens gehört. Ich glaube, dass ich Critical Mass deswegen so mag. Das miteinander Radeln, entspannt wie im niederländischen Straßenverkehr und trotzdem ganz anders. Ich sehe Critical Mass nicht wie eine Demo oder Veranstaltung, es ist einfach die einzige Möglichkeit ab und zu so entspannt wie in meiner Heimat zu radeln und dabei auch noch großartige Leute kennenzulernen.

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Frisch Gegrilltes bei der Critical Mass im Juni [pic by Bart Jan Davidse]
Diesmal fuhr ich zusammen mit meiner Freundin zum Treffpunkt am Planetarium, so wie es sich in Hamburg leider gehört hintereinander, ohne tolles Gespräch, weil man einander eben nicht die ganze Zeit anbrüllen kann, um einander im Lärm des motorisierten Verkehrs überhaupt zu verstehen. Am Planetarium treffen wir uns mit Freunden, die wir tatsächlich alle bei Critical Mass kennengelernt haben. Die Mass verbindet Leute! Schon im Stadtpark merke ich, dass die Mass diesmal rekordverdächtig ist, so viele RadlerInnen habe ich am letzten Freitag im Monat gefühlt noch nicht zusammen gesehen. Eigentlich waren wir schon ganz platt, wollten aber unbedingt mitfahren, um die großartige Atmosphäre zu erleben und so gut ins Wochenende zu starten. Wir trinken noch ein Bierchen und warten, bis die Räder in die Luft gehen und das Klingelkonzert losgeht. Langsam rollen wir weg vom Planetarium, neugierig, wo die Reise diesmal lang führt.

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Schmuckstück des Abends: ein klassisches britisches Fahrrad in Motorradlook [pic by Bart Jan Davidse]
Ich versuche die Mass mal mit anderen Augen zu betrachten und gucke mir die diversen Zweiradschmuckstücke an und knüpfe Gespräche mit den BesitzerInnen an. Die Strecke kann ich daher auch nicht wirklich erinnern, aber dafür gibt es ja den Garmin. Es ist sehr überraschend, welchen Stellenwert das Fahrrad eigentlich hat, es sind ab und zu richtige Spiegel der Persönlichkeit. Ich habe das Gefühl, dass das Rad mehr als in Holland als Statussymbol gesehen wird, während die Niederländer das Rad generell als Gebrauchsgegenstand betrachten. An einer niederländischen Kreuzung fahren in zehn Minuten etwa 100 RadfahrerInnen vorbei, bei einem Durchschnittswert von € 100,- pro Rad fahren dann etwa € 10.000,- vorbei. An einer deutschen Kreuzung fahren in zehn Minuten auch €10.000,- vorbei, allerdings sind das nur 10 Räder. Beides hat so seine Vorteile, an diesem Abend genieße ich auf jeden Fall die Räder. Von stolzen Singlespeeds mit Sonderlackierung zu klassischen Hollandrädern und von Rennräder zu selbstgebauten Cruisern. Auch Pedelecs fahren mit, allerdings geben sogar die Fahrer zu, dass der E-Antrieb bei dieser Geschwindigkeit nichts bringt. Das Schmuckstück des Abends ist für mich ein klassisches britisches Fahrrad in Motorradlook, es schlägt jedoch gerade so das Grillrad. Es ist jedoch vor allem immer wieder toll wie schnell man während die Mass rollt ins Gespräch kommt, die Stimmung ist einfach ausgelassen und offen, als ob man einfach endlich mal dem Druck des motorisierten Verkehrs entkommen kann und nicht ständig aufpassen muss.

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Streckenverlauf der Hamburger Critical Mass im Juni [pic by Bart Jan Davidse]
Nach 30 Kilometern sind wir dann doch richtig platt und überlegen uns kurz die Mass diesmal vorzeitig zu verlassen. Meine Güte bin ich froh, dass wir doch noch weitergefahren sind! Offensichtlich wollte die Mass noch ein Grande-Finale der grandiosen Tour: ab in Richtung Reeperbahn. Da angekommen fällt uns ein, dass an diesem Wochenende die Harley-Days sind. Die Reeperbahn ist brechend voll mit Motorradfans und die Stimmung ist richtig ausgelassen. Unsere 6000 Teilnehmer füllen die Reeperbahn in beiden Richtungen und das „Publikum“ tanzt fröhlich mit zu der Musik aus den zahlreichen Beatbikes. Einige Autofahrer zeigen mit lautem Hupen noch die Kommunikationsunfähigkeit in einer Blechkiste, es hilft einfach nichts. Ich habe die ganze Zeit ein breites Grinsen auf dem Gesicht und sehe um mich herum wirklich nur strahlende Gesichter. So macht Radfahren richtig Spaß, die Freude ist noch größer, wenn man etwas zusammen macht. Ich freue mich jetzt schon auf den letzten Freitag in Juli!

Bart Jan Davidse

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